Schüsse in Klosterfelde.

Das "Attentat" auf Erich Honecker am Silvestertag 1982

Alles über das mysteriöse Geschehen und den angeblichen Attentäter.
Mit Zeitzeugen-Berichten von Lesern!

Der Ablauf

Der “Täter”

Zeitzeugen-Bericht

Ungeklärt

Der Ablauf

31.12.1982, 11:30h, Klosterfelde
Der angebliche Attentäter Paul Eßling, von Beruf Ofensetzer, erscheint in seinem Haus, um zu telefonieren. Seine Mutter, die gerade das Essen vorbereitet hat, wundert sich nicht, dass er einfach mit seinem dunkelgrünen Lada 1300 davonfährt - Paul neigt nicht dazu, viel zu erklären.
31.12.1982, etwa zur gleichen Zeit, Liebermannstraße Berlin-Weißensee
Zwei Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit, beide um die 30 Jahre alt, steigen in einen Volvo 164 SE. Sie sind im "Sicherungsdienst der Verkehrspolizei im Rahmen des Personenschutzes Führender Repräsentanten von Partei und Regierung". Ihr Auftrag heute: Sie sollen die Fahrt Honeckers von der Waldsiedlung Wandlitz zum Jagdrevier in die Schorfheide begleiten.
31.12.1982, 13 Uhr, Waldsiedlung Wandlitz
Die Offiziere schließen sich pünktlich mit ihrem Volvo Honeckers Konvoi an. Zwei Citroe:ns (ein "Hauptwagen" mit dem SED-Chef an Bord und ein begleitender "Kommandowagen") fahren vorweg.
In Wandlitz biegt die Kolonne auf die F109 nach Norden, saust mit den üblichen 90 km/h durch den Ort und nähert sich einer Kreuzung.
Dann geht alles sehr schnell:
Aus Richtung Stolzenhagen schert Eßling mit seinem dunkelgrünen Lada unmittelbar vor dem "Hauptwagen" ein. Die Kolonne bremst stark ab, die Citroe:ns können dann aber den Lada problemlos überholen. Honecker ist also bereits außer Gefahr, als die Katastrophe ihren Lauf nimmt.
Die beiden Stasi-Offiziere im Volvo erhalten per Funk das Kommando, den "Verkehrsrowdy" zu stoppen. Sie schalten das Blaulicht ein und versuchen, Eßling zum Anhalten zu bewegen. Der gibt Gas und zieht mit 90 km/h davon. Im Volvo glaubt man, es mit einem Betrunkenen zu tun zu haben.
Hinter den ersten Häusern endet die Verfolgungsfahrt.
Ein entgegenkommender LKW, der wegen Blaulicht und Sirene anhält, versperrt dem Lada die Bahn.
Der Oberleutnant steigt aus, winkt den LKW weiter und geht auf Eßling zu: "Was soll denn das hier werden?"
Eßling, mittelgroß mit schwarzer Lederjacke, steht hinter der Fahrertür seines Wagens. Angeblich greift er nun urplötzlich unter seine Jacke zur Hüfte, zieht eine Pistole und eröffnet das Feuer auf die Offiziere.
Der Oberleutnant wird getroffen, sein Kollege im Volvo zieht erst jetzt die 9mm-Makarow und erwidert das Feuer, die Türscheibe des Lada splittert. Eßling hebt erneut die Waffe, richtet sie auf seine Schläfe und drückt ab.
31.12.1982, Klosterfelde, 13:10h
Eßling ist sofort tot, Anwohner und der LKW-Fahrer, der die Schüsse wegen des laufenden Motors nicht gehört haben will, kommen zum Tatort.
31.12.1982, MfS-Klinink
Berlin-Bruch, 14:00h
Der angeschossene Oberleutnant wird in der Klinik operiert. Der Lungendurchschuss saß drei Zentimeter über dem Herz, aus dem Rippenfellraum wurden 800ml Blut entfernt. Sein Zustand ist zunächst ernst, bessert sich dann aber schnell.
31.12.1982, Klosterfelde, 15:30h
Die Untersuchunskommission der Staatssicherheit trifft am Tatort ein.
Der Tote liegt noch immer unter einer Decke neben dem Lada. Die Leiche wird nach dem Abschluss der kriminaltechnischen Untersuchungen zunächst in den Hof des nächstgelegenen Hauses gebracht.
31.12.1982, Klosterfelde, abends
Die ersten Anwohner in Klosterfelde werden als Zeugen vernommen, die Leiche Paul Eßlings wird zur gerichtsmedizinischen Untersuchung abtransportiert.
01.01.1983, Klosterfelde, 2:30h
Paul Eßlings Sohn Ralf kehrt von einer Silvesterfeier zurück und erfährt vom Tod seines Vaters; auch seine Großmutter wird unterrichtet.

Karte: Stolzenhagen, Klosterfelde, Wandlitz

Tatortskizze des MfS

Quelle: Jan Eik: Besondere Vorkommnisse. S.170

Auszüge dem Leichenöffnungsbericht vom Neujahrstag 1983
Quelle: Jan Eik: Besondere Vorkommnisse. a.a.O., S.172

01.01.1983, Bad Saarow, Militärmedizinische Akademie, 10.00h
Oberst Medizinalrat Professor Dr.sc.med. Schmechta seziert zusammen mit seinen beiden Assistenden die Leiche Paul Eßlings. Ihr Ergebnis: Eßling habe sich durch einen "Nahschuss" selbst getötet, charakteristische Merkmale einer "Hirnichtung" - das wird den Offizieren des Stasi nach der Wende vorgeworfen werden - fehlen.

07.01.1983, DDR
Der Korrespondent der Hamburger Illustrierten "Stern", Dieter Bub, trifft sich nach einem Telefonat mit einem Informanten, der von einem angeblichen Attentat berichtet. Der Korrespondent sucht auf dem Friedhof in Klosterfelde vergeblich nach einem frischen Grab, aber eine alte Frau hilft ihm weiter.

11.01.1983, ADN-Meldung, 15:23h
Nach den Vorberichten schickt der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) der DDR ein Dementi über die Ticker: Das Attentat sei eine Falschmeldung, es habe ledigliche eine "schwere Verkehrsgefährdung" gegeben, in deren Folge Eßling nach einer Fahrerflucht das Feuer auf die Polizisten eröffnet habe und dann "mit seiner Schußwaffe Selbstmord" beging. Eine Blutuntersuchung habe 2,5 Promille Blutalkohol ergeben,

13.01.1983, Hamburg
Der dritte "Stern" des neuen Jahres erscheint. Die exklusive Titelgeschichte: "Das Attentat. Ofensetzter Paul Eßling, der Mann, der Erich Honecker erschießen wollte."
Unbemerkt von der Stasi hatte der Korrespondent der Illustrierten, Dieter Bub, in Klosterfelde recherchiert.
Damit ging der Reporter ein Risiko ein, weil er gegen die Journalisten-Verordnungen der DDR gleich mehrfach verstieß (Journalisten mussten sich z.B. für Reisen abmelden, Anträge für Reportagen und Interviews einreichen, in Autos mit besonderen Kennzeichen fahren etc.)
Insbesondere die Skizzen zum Tathergang sind nach heutigen Erkenntnissen aber eher als phantasievoll zu bezeichnen.
Andere Medien bleiben eher skeptisch, sie halten die Motive des Ofensetzters für zu schwach.

15.01.1983, Ost-Berlin, 11.30h
Stern-Korrespondent Dieter Bub wird ins Außenministerium der DDR zu Botschafter Wolfgang Meyer bestellt. Beim ersten Treffen ist Meyer vor allem aufgebracht. Die Attentats-Story passe nicht zu Honeckers Image als "Landesvater", mutmaßt der "Stern".

15.01.1983, Ost-Berlin, 11:45h
Der Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik, Hans-Otto Bräutigam, wird im Außenministerium der DDR von "bevorstehenden Maßnahmen" unterrichtet.

15.01.1983, Ost-Berlin, 13:15h
Beim zweiten Treffen mit Dieter Bub beschränkt sich Botschafter Meyer auf drei Sätze: Dieter Bub habe die Bestimmungen des DDR-Außenministeriums verletzt, die Akkreditierung sei damit hinfällig, binnen 48 Stunden habe Bub die DDR zu verlassen. Botschafter MEyer beendet das Treffen mit einem schroffen "Adieu".

In der Folgezeit...
Werden die Sicherheitsmaßnahmen für den Geleitschutz des SED-Chefs "bis zum Widersinn" veschärft.

Mehr als 11 Jahre später...
Ein Berliner Journalist befragt erneut die damaligen Zeugen, von denen nicht mehr alle zu ihren Aussagen stehen wollen. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin stellt daraufhin Ermittlungen in Sachen Eßling an. Zwei ehemalige Leibwächter Honeckers (Bernd Brückner und Adelhard Winkler) verkünden in der "Bild" und der "SuperIllu", es habe sich um ein Attentat gehandelt. Ein weiterer Leibwächter (Ralf Ehresmann) dagegen behauptete in der "Berliner Zeitung", er sei tatsächlich Augenzeuge, während Winkler am fraglichen Tag dienstfrei gehabt hätte. Er berichtete außerdem:
"Erich Honeckers Hand jedenfalls zitterte auch an diesem Nachmittag nicht. Neun kapitale Hirsche sollten das Jahr 1983 nicht mehr erleben."
Die Spekulationen in den Medien über eine angebliche "Hinrichtung" Eßlings durch die Stasi treiben wilde Blüten. "Bild" und "Sat1" legen am 27.10.1994 angebliche Stasi-Dokumente vor, die Eberhard Diepgen als Waffenlieferanten für Eßling entlarven sollen.
Die Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, Eßling habe sich selbst getötet.

 

Der “Attentäter”

Um Paul Eßling ranken sich viele Geschichten. Dabei sind die überprüfbaren Fakten schnell aufgezählt: Zum Zeitpunkt des Geschehens war der Ofensetzer 41 Jahre alt. Drei Kinder, von denen zwei Töchter und seiner erste Frau, von der er geschieden wurde, in Berlin leben. Seine Freundin Siegline S. hatte vor wenigen Tagen mit ihm Schluss gemacht. Kurz vor dem Geschehen hatte er sie noch einmal besucht.
Hier beginnt bereits der Bereich der Spekulationen. War er wirklich so jähzornig, dass sein "Hass auf die Bonzen" ("Stern") ihn zum Attentat trieb? Dabei muss man bedenken, dass Eßling als Handwerker durchaus zu den eher Privilegierten in der DDR gehörte. Trank er zuviel Alkohol, beeinflusste dies sein Urteilsvermögen? Darüber gibt es unterschiedliche Aussagen: Ein Zeuge sagte aus, Eßling habe keinen Alkohol mehr angerührt (das ist auch die Version des "Stern"); ein medizinisches Gutachten der Stasi dagegen bescheinigt ihm, ein "Potator" (Quartalstrinker) gewesen zu sein. Er sei wenig gesellig, leicht reizbar und rechthaberisch gewesen, nach dem Alkoholgenuss habe er sich "hilflos und unsicher" gefühlt - daraus folgt die angebliche Absicht eines "Bilanzselbstmordes" einer zwanghaften Persönlichkeit.
Angeblich wussten im Ort auch viele zu berichtem, dass Eßling trank.
Hatte Eßling tatsächlich ein Attentat geplant?
Sicher scheint, dass Eßling ein Waffennarr war. Die Stasi stellte in seinem Haus und den Nebengebäuden eine Waffensammlung sicher, die unter anderem eine Doppelflinte, eine Scheibenbüchse, Kleinkaliberwaffen, Revolver und Luftpistolen sicher. Viele Waffen hatte Eßling von seinem Vater geerbt, so auch die 7.65 Walther-Pistole, die er bei der Schießerei einsetzte.
Angeblich schrieb er seiner Ex-Frau eine Art "Abschiedsbrief" vor der Tat ("Ich werde bald jemanden über den Haufen knallen") und machte gegenüber Jugendlichen Andeutungen ("Wir werden uns wohl kaum wiedersehen.")
Allerdings hätte es für ein Attentat wesentlich effektivere Methoden gegeben - Honecker war bei der Eskalation des Geschehens schon lange außer Sicht- und Reichweite.
Paul Eßlings Urne wurde auf dem Friedhof an der Dorfkirche in Klosterfelde bestattet.

Starb am Ort des Geschehens: Paul Eßling
Foto: Stern

Ein Zeitzeuge berichtet

Hier finden Sie von mir anonymisierte Leserbriefe, die mich zum Thema erreicht haben. Ob und inwiefern diese mit der Wahrheit übereinstimmen, ist schwer zu beurteilen.
In manchen Punkten ergeben sich Ungereimtheiten (z.B. was "Waffen" und "Fernsehberichte" angeht). Aber ich denke, sie sind sehr interessant zu lesen! Kürzungen sind mit drei Auslassungs-Punkten gekennzeichnet, ansonsten ist alles originalgetreu übernommen. Die Berichte in der linken Spalte stammen von einem ehemaligen MfS-Rekruten ("S.T.").
Noch einmal vielen Dank für diese Zuschriften!

Bericht Nr.1

----- Original Message -----
[...]
An: m.wulf.@firemail.de
Empfangen: [...]
Betreff: Beitrag zu Ihrer E.-H.-Homepage

Sehr geehrte Frau Wulf,
durch Zufall bin ich in ihre e.-H.-Homepage hineingekommen und habe mich amüsierend darin umgeschaut. Es ist sehr gut aufgebaut und auch für den Außenstehenden interessant.
Ein paar direkte Anmerkungen kann ich Ihnen vielleicht auch liefern.
Der Attentatsversuch im Dezember 1982 hat stattgefunden. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade in der Grundausbildung als Soldat auf Zeit im Wachregiment des MfS und in der Kaserne Glienicke-Nordbahn nur ca. 10 km entfernt. Die Protokollstrecke war allen bekannt und wurde durch Rgeierungsmitglieder sehr oft benutzt. Man konnte förmlich die Uhr stellen, wann die Karawane durchrauscht. Ich erinnere mich noch heute, daß wir gegen 19.00 Uhr in den Aufenthaltsraum zusammengerufen wurden und unser Zugführer informierte, daß ein Anschlag auf E.H. verübt wurde. Unser Kompaniechef war selbst Antiterrorspezialist und in verschiedene Szenarien wurde auch unsere Diensteinheit mit einbezogen. Das wir als Soldaten so offen über diesen Anschlag informiert wurden, hatte zwei Gründe. Zum einen hörte der überwiegende Teil der Soldaten Westradio (natürlich illegal), zum anderen sollten wir nicht durch Gerüchte verunsichert werden. Es wurde auch eine Auswertung vorgenommen, welche Fehler dieses Attentat begünstigten. Der Ofensetzer zwängt sich mit seinem Lada in die kolonne (Zwischen Honecker und Personenschutz). Der Fahrer von Honecker gab Gas und war dann weg und die nachfolgenden Personenschützer überholten das Auto und stoppten es. Trotz ständigen Übens und klarer Dienstan- weisungen stieg der Beifahrer allein aus, zog nicht die Skorpion und ging ungesichert auf den Lada/Fahrer zu. Der Ladafahrer schoß und traf den Personenschützer mit seiner Waffe. Daraufhin ging dieser zu Boden und sein Partner durchsiebte den Lada mit seiner Skorpion (kleine tschechische Maschinenpistole mit 30 Schuß 9mm-Pistolenmunition). Den Fehler machten die beiden Personenschützer, keiner hätte hier sterben müssen. Den Leiter Personenschutz beim MfS versetzte man anschließend. In unserer Diensteinheit war zwar allen Schweigen darüber vergattert worden, aber letztlich wurde diese Version nie verleugnet. Interessant war jedoch, woher 20 min später das Westfernsehen schon kam?

Wenn ich dienstlich manchmal im Berliner Raum unterwegs bin, dann nehme ich mir oft Zeit und schaue mir heute die Stätten unserer damaligen Wachschichten an. Manche wie in Biesenthal sind zu Ausländerunterkünften umgebaut worden (Regierungsbunker sind nicht mehr genutzt), das Mfs-Schulungslager in Klein Dölln wird von irgendeinem Dienst (BND?) weitergeführt und das Auswärtige Amt hat die Diplomatenfunküberwachung bei Bernau sogar noch beträchtlich ausgebaut und nutzt die Anlagen sicherlich genauso effektiv wir früher.

Ich hoffe, Ihnen ein klein wenig weiteres Material geliefert zu haben und verbleibe mit
freundlichen Grüßen [...]

 

Bericht Nr.2

[...]
An Meike Wulf
m.wulf@firemail.de
Sehr geehrte Frau Wulf,
danke für das ausführliche Antwortmailing. Die genauen Erinnerungen an all die Ereignisse der
Jahreswende 1982/83 sind natürlich nicht mehr vorhanden. Aber ich war Silvester das erste Mal
als Unteroffizier vom Dienst (UvD) eingeteilt (als Soldat der die Grundausbildung gerade mal 4
Wochen hinter sich hatte) und dies war mein erstes Silvester überhaupt in Berlin im Dienst. Das
vergißt man nicht, genauso wie es z.B. mein Onkel nicht vergißt, wie die Weihnachten und
Silvester an der Ostfront zwischen 1941 bis 44 waren. In den Charts war gerade Nena mit den 99
Luftballons vorn und die NDW sowieso stark angesagt. Unser Zugführer war an Silvester
Offizier vom Dienst (OvD) und dementsprechend locker ging es für uns zu.
In der DDR gab es zum damaligen Zeitpunkt den Fernschreiber als wichtigstes Kommunikationsmittel für die bewaffneten Organe. Über Fernschreiber gingen Anweisungen herein, wurden Desertationen aus NVA und GSSD mitgeteilt. Jede Diensteinheit mußte ein Fahnungsbuch führen, hierein kamen alle wichtigen Fernschreiben. Auch wenn von den Kampfgruppen eine MPi und Munition wegkam weil die Kämpfer abends so besoffen waren, das sie nicht mehr wußten,
wo eigentlich alles lag. Jedenfalls war mit diesem Informationsnetz die Polizei, die Grenztruppen
und auch das MfS untereinander verbunden. Nur die NVA brauchte nichts zu wissen, denn die
sollte ja nach Außen verteidigen. Mit 50% Urlaubern und von den Anwesenden Soldaten nochmals 50% auf Wache hätte man ein
solches Ereignis gar nicht verheimlichen oder verfälschen können. Außerdem gehörte unsere
Einheit zu den Wacheinheiten des MfS die eigene Objekte bewachte und da konnte man sich
keine Unklarheiten leisten. Wir hätten es über SFB oder RIAS sowieso erfahren.....
Offiziell wurde mitgeteilt, dass es auch "eine Provokation des Westen" sei. Egal wie auch
immer, wenn es dem Ofenbauer gelungen wäre, Honeckers Wagen anzuhalten, auszusteigen und
mit ihm zu sprechen, vielleicht auch zu bedrohen, nur mit dem Westfernsehen hätte er eine
Chance gehabt, dies zu dokumentieren. Auch wenn er dabei nicht erschossen worden wäre,
sondern "nur festgenommen", er wäre mit Sicherheit in die geschlossene Psychatrie gewandert
in Sicherheitsverwahrung. Nur durch die Öffentlichkeit in Form eines Fernsehteams das es dann
auch senden kann, wäre er je wieder aus dieser Versenkung herausgekommen. Also muß er oder
ein Bekannter hier vorher den Korrespondenten einen Tip gegeben haben.
Dies war an sich nicht schwierig, die Büros von ARD, ZDF und weiteren Anstalten in Ostberlin
waren auch für DDR-Bürger erreichbar, in den Briefkasten hätte man eine Nachricht reinwerfen
können. Natürlich wurden diese Büros auch vom MfS überwacht und observiert, aber die
Möglichkeit bestand durchaus.
Wir als einfache Soldaten haben der Sache an sich keine große Bedeutung beigemessen. Wer
konnte schon so dumm sein, und den gepanzerten Konvoi mit einem Lada aufhalten wollen? Mit
einem großen Traktor und Pflug hinten dran zum Sperren der Straße wäre dies viel effektiver
gewesen. Wir haben eher das wie diskutiert, statt warum zu fragen. Nach dem Attentatsversuch
wurde ja auch viel geändert. Die Protokollstrecke wurde nun nicht mehr zu festgelegten Zeiten
befahren, sondern wechselte in Zeit und auch in der Streckenführung. Auch mußten nun immer
Polizeiwagen an den Kreuzungen eine ungehinderte Durchfahrt extra absichern, das halt keiner
wieder dazwischen kam.
[...]
Wie gesagt, es wahr mehr als diletantisch mit einer Pistole loszuziehen. Mit einem Skoda S 100
(hatte den Kofferraum vorn) und 3©4 Gasflaschen drin das Auto rammen hätte mehr erreicht.
Dies zeigt mir, dass er eigentlich nicht schießen wollte. Nun ja, nach 14 Tagen hatte sich dann alles wieder halbwegs beruhigt, die Routine kehrte ein.
Für die Personenschützer war dies natürlich kein Erfolg. Es war ein ungeheuerer Imageschaden
für MfS und Polizei, das es ein durchschnittlicher Bürger der DDR fertig brachte, den Staatsratsvorsitzenden derart in Bedrängnis zu bringen. Wir waren manchmal auch zur Verstärkung bei
Besuchen von ausländischen Staatsgästen im Einsatz. Da wurden schon 2 Tage vorher alle
Gebäude, Gullydeckel, Müllkörbe etc. gefilzt. Es war verboten, zu diesen Terminen die
Mülltonne vor die Tür zu stellen. Alle 20 m an der Protokollstrecke in Berlin stand eine Sicherungskraft in Zivil. Wir durften uns z.T. 14 Tage lang nicht rasieren um etwas verwahrloster auszusehen, wurden auf "Studenten" getrimmt. Für mich als Wehrdienstleistender aus der Provinz
natürlich eine tolle Sache. Meine Kumpels mußten an der Grenze Streifendienst schieben oder als
Panzerfahrer den Kasernenalltag bewältigen und wir durften in Berlin, wenn auch nur Ostberlin,
eine interessante Zeit verbringen. Ich habe die Entscheidung bis heute nicht bereut, dort meine 3
Jahre herunterzureißen.
In Berlin gab es damals schon eine recht intensive Prostituiertenszene. Als wir z.B. im April 1983
4 Wochen die damals veranstaltete Karl-Marx-Konferenz nachts zwischen 22.00- 6.oo Uhr
absichern mußten, hat das sehr großen Spaß gemacht. Im ganzen Stadtzentrum (Alex, Unter den
Linden, Friedrichstraße ) gingen wir "unauffällig" zu zweit in Zivil Streife. Nach einer Woche
kannten wir alle Bordsteinschwalben und auch die Reinemachfrauen der U-Bahn begrüßten uns
mit "Na Jungs, geht es bald wieder ins Bett?" schon familiär. Andererseits gab es dadurch eine
fast 100%ige Sicherheit in der Nacht. Jeder Dieb oder Gewalttätige wäre verhaftet worden.
Aber das ist, genauso wie E.H., Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die damals sehr intensiv
gelebt und erlebt wurde, an der auch im Nachhinein nichts mehr zu verändern geht.
Ich hoffe, dass ich Ihnen noch ein paar Details liefern konnte und verbleibe mit freundlichen Grüßen [...]

 

Ungeklärt

Zwei zentrale Punkte bleiben mysteriös.

1. Welches Motiv gibt es für ein Attentat?
Neid auf den "Luxus" der Politprominenz scheint insgesamt für einen privilegierten Handwerker ein fadenscheiniges Motiv - zumal ein lang geplantes Attentat sicher effektiver realisiert worden wäre.
Bleibt noch die Tat im Affekt - aber Eßling hat nicht versucht, Honecker unter Beschuss zu nehmen. So bleibt meiner Meinung nach wenig, was für ein Attentat spricht.
Das Geschehen auf der L109 scheint vielmehr eskaliert zu sein.

2. Welche Rolle spielen Eßlings Kontakte zur Politprominenz?
Eßling war passionierter Jäger, wurde aber nicht ins Jagdkolektiv aufgenommen - angeblich wegen seiner charakterlichen Schwächen. Nicht einmal die - eher zweitrangige - Politprominenz, die sich von Eßling Öfen setzen ließ, konnte ihm dabei behilflich sein, legal zum Schuss zu kommen. Eßling genehmigte sich also "wilde" Jagden in der Umgebung Kosterfeldes.
Eßlings Munitionslieferant K, Diplom-Staatswissenschaftler und "Versorger" in der Waldsiedlung Wandlitz, setzte sich "im Auftrag von General Wolf" für ihn ein. General Günter Wolf war Chef der Hauptabteilung Personenschutz beim MfS, ihm unterstand das Personal der Waldsiedlung.
Munitionslieferant K. beging ein Jahr nach Eßlings Tod in seiner Jagdhütte Selbstmord.
Die Stasi ließ diese Verbindungen bei ihren Ermittlungen unangetastet; obwohl viele Bewohner Klosterfeldes und auch Stasi-Mitarbeiter von Eßlings wilden Jagd-Touren und seinem Waffenbesitz gewusst haben mussten, wird er in den Berichten der Stasi als "in politischer Hinsicht zurückhaltender Mensch" charakterisiert.
In dem Sumpf aus illegalem Waffenbesitz und Wilderei ganz in der Nähe von Wandlitz wurde nicht tiefer gestochert.

 

[Home] [Erich] [Margot] [Sonderseite] [Literatur] [Links] [Impressum]

(c) 1999-2005 honecker-im-internet

BuiltWithNOF